Dr. Hans Zimmerl


INTERNETSUCHT - UPDATE 2008 UND AUSBLICK

Dr. Hans Zimmerl, Facharzt für Psychiatrie und Neurologie


Internetsucht als Form einer nicht stoffgebundenen Abhängigkeitserkrankung hat in den letzten drei Jahren zunehmend an wissenschaftlicher Anerkennung, aber auch gesundheitspolitischem Interesse gewonnen.

So wurde im Vorjahr seitens US-amerikanischer Psychologen wie auch Psychiater verstärkt eine Aufnahme der Internetsucht als eigenständige Diagnose in die Glossare ICD bzw. DSM gefordert. Europäische Nervenärzte führenden Ranges argumentieren ebenso.

2008 hatte im Deutschen Bundestag ein offizielles Hearing mit den landeseigenen namhaftesten ExpertInnen stattgefunden, welches als Thema auswies: "Medienabhängigkeit bekämpfen - Medienkompetenz stärken".

Schon 2007 hatte in Wien das Bundesministerium für Gesundheit eine Fachtagung mit internationalerer Beteiligung veranstaltet, welche vor allem die Internetsucht Jugendlicher zum Thema hatte und ebenfalls therapeutisch-präventive Aspekte beleuchtete.


1. Gibt es neue Forschungsergebnisse und Therapieansätze ?

Im Herbst 2008 - und das ist für mich ein wesentlicher Anlaß dafür, dieses Update zu veröffentlichen - war den Meldungen internationaler Nachrichtenagenturen zu entnehmen, dass in China ein Team von Psychologen im Rahmen einer Studie an über 1300 ProbandInnen ein diagnostisches Handbuch für die von ihnen so benannte "IAD" (internet addiction disorder), also die Internetsucht, erstellt hätte und deshalb davon auszugehen sei, dass China das 1. Land der Welt sein werde, das "Internetsucht" offiziell als Krankheit anerkenne. Zu dieser letztgenannten Entwicklung in CHINA, aber auch zu aktuellen allgemeinen Trends sei meinerseits aber doch auch kritisches anzumerken:

Auch wenn die chinesische Studie derzeit noch nicht in authorisierter Übersetzung zugänglich ist, muss doch zumindest der von den Autoren medial überlieferten Darstellung, es handle sich in ihrem "Handbuch" um neue diagnostische Kriterien, widersprochen werden. Zum einen umfasst die Symptomauflistung ein Sammelsurium bereits bekannter Suchtsymptome (wie beispielsweise auch ich sie zuletzt 2005 hier [Internetsucht - Die Fakten] publizierte), allerdings vermengt mit einer äußerst problematischen quantitativen Junktimierung (als gleichrangiges diagnostisches Suchtkriterium wurde die Überschreitung eines täglichen Internetgebrauches im Ausmaß von mehr als 6 Stunden formuliert). Das Postulat, quantitative Diagnostik sei ein taugliches Instrument, entspricht allerdings keineswegs den golden standards westlichen Suchtverständnisses, welches aus gutem Grunde das Wesen von Suchtkrankheiten in einer multifaktoriellen Genese, einer mehrdimensionalen Diagnostik und adäquat einer differenzierten Therapie und Prävention begreift. Am Beispiel der Alkoholkrankheit lässt sich dies illustrieren, da ja fachlich längst unbestritten ist, dass die Prävalenz einer Alkoholkrankheit nicht an der im Einzelfall konsumierten Menge Alkohols zu diagnostizieren sei (wenn auch Laien aus durchaus nachvollziehbaren Motiven eine Auskunft über "Grenzmengen" wünschen würden). Was lediglich möglich ist, das ist bekanntlich die Benennung einer Höchstmenge pro Zeiteinheit konsumierten Alkohols, bei deren Überschreitung statistisch beweisbar organische Schäden zu gewärtigen sind. Nicht jedoch ist die psychische Abhängigkeit mit Dosisgrenzziehungen erfassbar ! Und diese Erkenntnis ist auf alle Süchte, also auch auf nicht substanzgebundene Abhängigkeitserkrankungen, wie eben die Internetsucht,.anzuwenden. Der Ordnung halber sei auch festgehalten, dass keine der bislang in der Literatur vorliegenden Studien ein solches quantitatives diagnostisches Kriterium anwendet. Wenn - wie zum Beispiel in der Studie der Humboldt-Universität zu Berlin - festgestellt wurde, dass von jenen ProbandInnen, welche die Suchtkriterien in der Befragung erfüllten - ein wöchentlicher Internetgebrauch im Ausmaß von mehr als 35 Stunden erhebbar war, so wurde dies zwar erwähnt, aber weder in den diagnostischen Symptomenkatalog aufgenommen, noch ein solches Vorgehen empfohlen.

Zu den medial berichteten chinesischen Therapieangeboten möchte ich zunächst einschränken, dass ich sie nicht aus persönlichem Augenschein kenne, und ich mir daher kein definitives Urteil anmaße. Sehr wohl aber halte ich grundsätzlich folgendes fest: Süchtige sind Kranke, und als solche jedenfalls absolut keine legitime Klientel für paramilitärische "Umerziehungslager". Andererseits dürfen wir Europäer auch nicht (unter dem Deckmantel eines liberalen Humanismus) durch sozialtherapeutischen Defätismus den gedanklichen Gegenpol besetzen. Gerade Internetsüchtige brauchen aktive Aufnahme von helfenden Maßnahmen, und das oft vor Ort. Das kostet Geld, aber es ist notwendig. "Therapeutische Bootcamps" wiederum sind in unserer Tradition nicht verhaftet, und wo sie versucht wurden (Abenteuercamps für dissoziale Jugendliche) sind sie weitgehend gescheitert.


2. Ist Internetsucht tatsächlich ein vorrangiges "Jugendphänomen" ?

In der internationalen Entwicklung des Verständnisses der Internetsucht möchte ich nun in einem weiteren Aspekt Bedenken formulieren. In der veröffentlichten Meinung (und damit der öffentlichen Wahrnehmung) dominiert neuerdings die Suggestion, Internetsucht sei nahezu ausschließlich ein "Jugendproblem".(Und da vor allem ein Problem in Form der Rollenspielsucht). Für diese Prävalenzgewichtung gibt es aber keine rezenten repräsentativen Statistiken. Es stellt sich also die Frage, wie diese Mythenbildung zustande kam.

Aus langjähriger nervenärztlicher Erfahrung weiß ich, dass besonders Suchtkrankheiten immer und auch heute noch von der unterschwelligen Interpretation der Abhängigkeit als mutwillige Devianz oder Charakterschwäche bedroht waren und sind. Aus dieser Sicht wird verständlicher, dass viele Erwachsene, die ihr reales Leben vernachlässigen, um statt dessen in virtuellen Welten wie "Second Life" Scheinkompensation ihrer Defizite zu suchen , kaum bis gar nicht gewillt oder motivierbar sind, diese ihre Sucht zu outen. (Erst recht trifft dies auf "Onlinesexsüchtige" zu) Sehr viel leichter können Jugendliche dazu gebracht werden, sich in herkömmlichen Medien zu bekennen. Und in der öffentlichen Wahrnehmung existiert eben weitgehend nur das, was medial als "Wahrheit" veröffentlich wird. Dies mag einer der Gründe für die Schieflage der öffentlichen Problemeinschätzung sein. Wiederum möchte ich als Illustration den Alkoholismus bemühen: Seit ein findiger Journalist das Schlagwort "Komatrinken" erfand, hat der Medienkonsument zunehmend den Eindruck gewinnen müssen, dass (zumindest in Österreich) Alkoholismus ein Jugendproblem sei. Es war sehr schwer und bis dato auch nicht restlos erfolgreich, fachlich seriös zu argumentieren, dass man natürlich keinesfalls verharmlose, wenn man darauf hinweise, dass Jugendliche schon immer im Rahmen der Adoleszenz auch u.a. Alkoholmissbrauch betrieben haben, dass aber darüber nicht vergessen werden dürfe, dass zum Beispiel Frauen vermehrt alkoholkrank werden, etc. Schon eine einzige Schlagzeile am nächsten Morgen lenkte die öffentliche Aufmerksamkeit und Perzeption auf die "Komatrinkende Jugend" Parallel dazu eignen sich offenbar Meldungen über tobende Jugendliche, die den elterlicherseits zwangsverordneten Internetentzug mit Fremd- oder Autoaggression beantworten, scheinbar besser für Schlagzeilenjournalismus und werden dann eben in der Folge in der allgemeinen Wahrnehmung als prototypisch kommuniziert. Dass besonders Rollenspiele Jugendlicher Aufmerksamkeit finden, hängt wohl auch mit der Phantasie zusammen, alle diese Spiele seien gleichermaßen gewaltverherrlichend (was in dieser Generalisierung falsch ist).

Zwar gab es vor 8 Jahren eine sehr profunde Studie der Humboldt- Universität zu Berlin, in der damals schon eine höhere Gefährdung für junge Jugendliche dargestellt werden konnte, aber es ist zu bedenken, dass besonders die Angebote des Internet sich sehr rasant wandeln. So gab es z.B. die von Erwachsenen bevorzugte Spielewelt "Second Life" damals noch gar nicht am Markt.(Mittlerweile 16 Mio. Benutzerkonten) Aber auch in traditionellen, hochfrequentierten Spielbereichen wie beispielsweise dem Schachspiel dominieren nach eigener Beobachtung reifere Jugendliche und Erwachsene. innerhalb der Klientel. In Newsgroups und Foren sind die power-user oft sogar im Senioren-segment angesiedelt. In all diesen letztgenannten Nutzungsbereichen finden sich nach meiner fachlichen Einschätzung viele Abhängige.

Wenn allerdings - und das soll nicht relativiert werden - das Phänomen der Internetsucht sich eben derzeit auch breitflächig an Jugendlichen manifestiert, so muss ihnen entsprechende Hilfe angeboten werden. Die Bandbreite wird von Onlineberatung im Vorfeld bis hin zu Krisenintervention vor Ort (durch geschulte Jugendfürsorger und SozialarbeiterInnen) reichen. Und mein Berufsstand ist auch, und besonders gefordert.

Eine Erfolgschance für Eltern und Pädagogen sehe ich nur dann, wenn die Jugendlichen mit authentischen Erwachsenen konfrontiert sind, die ihre Vorbildwirkung unprätentiös und glaubwürdig leben, bzw. gegebenenfalls auch zu ihren eigenen Süchten stehen, statt diese zu bagatellisieren oder zu leugnen.


3. Status quo und Ausblick

STATUS QUO

Wie schon oben angesprochen, sind neue bahnbrechende Erkenntnisse nach Prüfung nicht nachzuvollziehen.

Die angebliche Umgewichtung der Prävalenz zur Altersgruppe der Jugendlichen deckt sich nicht mit meinen empirischen Daten, und sie deckt sich auch nicht mit den Erfahrungen namhafter SuchtbetreuerInnen Ich habe mich oben dazu bereits ausführlicher geäußert.

Im Bereich der Phänomenologie, der Symptomatik und Diagnostik, sowie der Darlegung von Therapieoptionen verweise ich unverändert auf meine Einschätzungen aus anno 2005.

AUSBLICK

Es herrscht wissenschaftlicher Konsens darüber, dass Suchtkrankheiten hinsichtlich Entstehung bzw. Verbreitung stark vom jeweiligen Faktor der Verfügbarkeit abhängen. Diese Feststellung darf keineswegs als Plädoyer für Prohibition missverstanden werden. Aber klar ist: Wenn nachweislich cirka 3 Prozent der Internetuser eine Abhängigkeit entwickeln, dann wird die Gesamtzahl Abhängiger natürlich bei steigender Verfügbarkeit ebenfalls ansteigen.

Dass die Bereiche Spiel & Kommunikation( als Standard gilt: Kein Spiel ohne Chatmöglichkeit) weiterhin das internetspezifische Faszinosum mit Suchtpotential sein werden, darf prophezeit werden. Der Bereich der Internetsexsucht ist erstaunlicherweise weitgehend tabuisiert, spielt aber empirisch eine bedeutende Rolle und wird gerade wegen seiner öffentlichen Verdrängung dies wohl weiter tun. Über die elektronisch befriedigte Kaufsucht liegen mir zu wenig Erkenntnisse vor, um diesbezüglich einen Ausblick zu wagen - es mag aber dafür gelten, was für den sehr wohl bekannten Bereich der Online-Glücksspielsucht zutrifft: Gegenwärtig sind (noch?) massive Tendenzen zur Ausweitung des Angebotes ersichtlich, gleichzeitig stellt sich die Frage, ob hier nicht sehr bald infolge der Weltwirtschaftskrise und dem damit verbundenem Ressourcenrückgang für breiteste Schichten auch bei den InternetuserInnen eine Selbstlimitierung einsetzen wird ? Andererseits gibt es für das Glücksspiel auch genau gegenteilige historische Erfahrungen.

In sozial kälteren Zeiten wird jedenfalls das Bedürfnis nach schützender Geborgenheit (bzw. deren illusionärem Erleben) in social networks und virtual communities des Internet weiter ansteigen.

Darüber hinaus ist nicht absehbar, wie sich das Internet an sich weiter entwickeln wird, von der Beschaffenheit, den technischen Möglichkeiten, der freien Verfügbarkeit, den gebotenen Anreizen. Und auch nicht vorhersagbar ist, in welchem sozialen Kontext sich diese Fragen stellen werden - oder um es konkret zu sagen: In Zeiten einer weltweiten Rezession liegt das Interesse der Menschen wohl eher darin, ihr Haus zu erhalten, den Kühlschrank mit dem nötigsten zu füllen, und kaum darin, ein komplett computerisiertes Eigenheim zu besitzen, wo der Frigidaire selbstständig über das Internet leere Bestände nachbestellt.

Was die jüngsten Visionen der Branche betrifft: Das cloud computing würde natürlich sogar eine weitere qualitative und quantitative Verfügbarkeitssteigerung des Internet voraussetzen bzw. mit sich bringen. Aber, wie der Name auch sagt, die Realisierung "steht in den Wolken"

Zusammenfassend möchte ich festhalten:

  • Für die nahe Zukunft ist kein Indiz für einen Rückgang der Internetsucht erkennbar.
  • Mittelfristig ist heute nicht abzuschätzen, wie die verschiedenen Gesellschaften und Kulturen unter möglicherweise (sozio-ökonomisch erzwungen) stark veränderten Rahmenbedingungen süchtiges Verhalten generell im normativen wie auch gesundheitspolitischen Prioritätenkatalog einordnen werden
© Dr. med. univ. Hans Zimmerl, Wien. Alle Rechte vorbehalten.